
Mit den Reiseberichten bin ich ein bisschen im Rückstand, was jetzt nachgeholt wird. Und los geht's, willkommen in meiner Welt.
Drei der Wochenenden im vergangenen „Winter“ habe ich in Barra de Navidad verbracht, wo laut
lonely planet um die 4.000 Seelen wohnen. Das überaus hübsche Dörfchen an Jaliscos Küste war wohl vor einer ganzen Weile einmal ein Piratenunterschlupf und fiel nach der Zeit der Piraten in einen Schlummer, von dem es sich laut schlauem Buch nie ganz erholt hat. Was immer sie damit meinen, es ist jedenfalls ein nettes, angenehm touristisches Dörfchen, das seit ca. 30 Jahren immer mehr Touristen empfangen hat, die immer gerne wiederkommen. Das schöne daran ist, dass die örtliche Bevölkerung direkt von den geldbringenden In- und Ausländern profitiert hat, anders als in manchen Destinationen, in denen
gringos jeglicher Art die meisten Restaurants und Hotels führen, wodurch es zu einigen Verbesserungen der Infrastruktur kam (fließendes Wasser, Abwassersystem, Strom) und viele Dorfbewohner Geld mit den Touristen verdienen konnten. Klar gibt es auch in Barra Hotels und Restaurants, die nicht von einheimischen Mexikanern geführt werden, aber das hält sich stark in Grenzen. Das komfortabelste Hotel in Barra selbst, das Hotel Delfín wurde von einem Ex-Athleten aus Deutschland erbaut (wie sollte es auch anders sein), über die Jahre Stück für Stück erweitert und bietet viel Komfort für 400 Pesos die Nacht aufwärts - es gibt sogar einen eigenen Hotelpool. Ansonsten gibt es viele
posadas und recht preiswerte Mittelklassehotels, allen voran das sehr beliebte Hotel Caribe mitten im Dorf oder die etwas teurere, aber dafür ruhigere und mit besseren Zimmer und Matratzen ausgestattete
Posada pacífico.
In Barra befinden sich fast alle wichtigen Einrichtungen (Geschäfte, Plaza mayor, Bankautomaten, Hotels, Restaurants, Souvenir-Shops, Kneipen, Surf-Shop) entlang der Hauptstraße, die schließlich auf den malecón führt, einen aufgeschütteten und erweiterten Streifen Sand im Westen des Dorfs, dass das offene Meer bzw. die bahía de navidad von der Lagune trennt und heutzutage ein gepflasterter Flanierstreifen ist. Was gut für die Touristen war, hat einem weiteren Surfspot den Garaus gemacht. Früher konnte man dort die Flussmündung surfen, heute brechen die Wellen in Barra nur, wenn sie aus Norden kommen und es an den Stränden ringsherum zu groß ist. Aber wenn's bricht, dann kann's mit nem Longboard ganz spaßig sein.
Im Winter sind viele Hotels ausgebucht, dann entfliehen vor allem Amis und Kanadier, genannt snowbirds, der Kälte und lassen sich hier wie an anderen Ferienorten in Mexiko die Sonne auf den Bauch scheinen. Von Stoßzeiten abgesehen bleibt aber alles ganz gelassen und entspannt, so wie auch alle Einwohner zu sein scheinen. Der Rhythmus hier ist definitv anders als im geschäftigen Guadalajara oder in Puerto Vallarta, der teureren Partystadt ein wenig weiter nördlich. Falls jemand den Film "Blow" gesehen hat: Ja richtig, Vallarta, wo George Jung damals die Drogen eingekauft hat. Soviel zum informativen Teil.
Beim ersten Mal bin ich an einem langen Wochenende Mitte Oktober mit Dominik, nem Typen aus Köln gefahren, der sich hier einen alten Ami-Van gekauft hat und dank günstigen Stundenplans jedes Wochenende Sammeltaxi nach Barra anbietet. Außerdem mit an Bord waren sein Studienfreund Ruben aus Kufstein, ne nette Schwedin und Jan, mit dem ich mich dort und an den nachfolgenden Wochenenden ein wenig angefreundet habt. Die Fahrt war ok, es hat mich aber doch ein wenig irritiert, dass der Feierabend schon um 9 Uhr morgens eingeläutet wurde und die ersten Biere geköpft wurden.
Nuja, wir kamen sicher an. Nachdem wir Carson, 21, aus Idaho, der in Barra schon seit nem halben Jahr ist, und Steve, einen Shaper aus Texas, irgendwo zwischen 50 und Pension anzusiedeln, kennengelernt hatten, ging’s auch recht fix zum Surfen nach Boca de iguanas. Es war geradezu surreal, nur mit Boardshorts bekleidet und trotzdem schwitzend an einem von Palmen gesäumten Strand surfen zu gehen, wenn man nur eher kalte, schwache Atlantikwellen mit Neo gewöhnt ist.
Schon bei der Abfahrt von Guadalajara hatte ich ein flaues Gefühl in der Magengegend und die tortas ahogadas, die ich am Tag zuvor in der Schulcaféteria gegessen hatte, waren offensichtlich nicht mehr ganz taufrisch. Die nächsten vier Tage liefen alle nach dem gleichen Muster ab: morgens zum Surfen an einen Strand fahren, zurück nach Barra, Bananen und Cracker essen, trinken, zur Konferenzschaltung zurückziehen, vor Erschöpfung den ganzen Nachmittag über schlafen/ dösen und sich gleich wieder hinlegen. Samstag war's mir endgültig zu viel und ich habe dann schön eine Doppelportion Immodium akut genommen, die jegliche Verdauung erst mal auf Eis gelegt hat. Ohne größeren Zwischenfall lief dann auch die Rückfahrt ab, doch hat es noch drei Tage und einen verschlafenen Nachmittag gebraucht, bis ich mich wieder einigermaßen wohl gefühlt habe.
Was mir beim ersten Barra-Besuch verwehrt geblieben ist, habe ich gleich zwei Wochen später nachgeholt: Dieses Mal fuhren wir, also Jan, Daniel und ich in Daniels Toyota-Pickup für ein normal kurzes Wochenende nach Barra, inklusive: leckeren Fisch-Tacos im äußerst charmanten Restaurant Mexico lindo mit noch charmanterer Bedienung, Sonnenuntergang mit Margaritas, surfen ohne Schwächeanfall, ein Besuch in der Dorfdisse etc. Klar war Dominik auch wieder in Barra und hatte schon sein neues Strandhaus eingeweiht, dass er dort für eine Zeit lang gemietet hat. Außerdem durften wir noch Günther kennenlernen, einen deutschen Freund von Daniel, der mit Silvia, einer sehr netten Mexikanerin zusammen ist und sich seit 4 Jahren endgültig in Barra niedergelassen hat. Wer könnt's ihm verdenken - und nicht die schlechteste Entscheidung! Schneller als es uns lieb war mussten wir wieder in die Stadt zurück, Arbeit, Studium und Praktikum riefen.
Beim dritten Mal Barra waren Jan, Daniel und auch Annabell und Emanuel an Bord und zu viert teilten wir uns Günthers Apartment, also den unteren Teil seines Hauses, wunderschön gelegen mit einer Terrasse, von der man einen Blick auf die Lagune, die Piers der Fischergenossenschaft und das 5-Sterne-Luxushotel hat. Nach einem ersten obligatorischen Abend im Mexico lindo mit, na, was wohl? Genau! Kaltem cerveza, Fischtacos und Shrimps-Burger – einfach super, das Wochenende so einzuläuten, ließ der Sandmann nicht lange auf sich warten. Die Nacht haben die drei im Apartment und ich in der Hängematte verbracht, wo ich zwar nicht allzu tief geschlafen habe, aber dafür wurde ich früh und sehr angenehm von den ersten Sonnenstrahlen und den Wellen geweckt, die durch die Fischerboote an die Piers geworfen wurden.
Reisekäpt’n Dominik hatte wieder eine Handvoll Deutsche und Österreicher von Barras Vorteilen überzeugen können, und so waren Jan und ich am Samstagmorgen erst mal damit beschäftigt, eine gute Handvoll Alkoholzombies aus ihrer Gruft zu locken, um uns eine Stunde später auf den Weg nach Tecuán zu machen, einem Strand, der schön und gut zum Surfen ist, aber nur nach einer Fahrt von ca. 45 Minuten Richtung Norden, Durchqueren eines kleinen Dorfes und eines Baches erreicht werden kann. Ich Quarkschädel hatte meine Finnen im Haus liegen lassen, und so durfte ich Steves großes und volumiges Brett ausprobieren, was beweglicher und manövrierbarer war, als es aussah. In der Tat habe ich mit dem Brett in Tecuán bisher die beste Welle hier in Mexiko gehabt. Die weiteren Tage liefen alle ähnlich entspannt ab – wir sind schließlich im Urlaub – und als Dankeschön für Günthers Gastfreundschaft haben wir dann zusammen am Sonntag für ihn ein köstliches Mahl gezaubert: Ensalada a la mexicana, Guacamole, filete de dorado y camarones al ajo und als krönenden Abschluss noch flambierte Ananasscheiben mit Limonencreme und Schoko-Nuss-Raspeln… Leider konnte seine Freundin Silvia nicht dabei sein und da Günther ihr von dem guten Essen erzählt hatte, bestanden er und sie darauf, dass wir unbedingt wiederkommen müssen… Hmmm… Grübelgrübel… ich weiß nicht…. Na klar! Barra, Günther, wir kommen wieder!
Zu den Bildern geht's wie immer hier