Samstag, 6. Oktober 2007

Die ersten Tage...

...waren nicht so richtig spannend, aber in Ordnung. Von Mauricio und seiner Familie wurde ich sehr freundlich empfangen, aufgenommen und durfte auch während der ersten paar Tage im Zimmer des Bruders wohnen, der bis Januar in Schweden ist. Der Satz "Eres en tu casa" (=Du bist in deinem Haus, fühl dich wie zu Hause) fiel nicht nur einmal und war auch wirklich so gemeint. Die Familie wohnt im Bereich Providencia, einer recht ruhigen und sicheren Gegend etwas außerhalb des Zentrums. Seine Eltern, Maribel und Carlos kommen aus dem Baskenland bzw. von den Kanaren. Die meisten Häuser hier werden direkt Wand-an-Wand gebaut, viel Platz für Gärten gibt's meist nicht, und wenn, sehen sie ein bisschen Playmobil-mäßig aus. Wie viele wohlhabende Familien hat auch seine eine Haushälterin, die aus der Hauptstadt México D.F. kommt. Außerdem gibt's noch eine Frau, die Mauricios Mutter bei der Wäsche hilft. Maribel meint, dass sie floja wäre, also ein wenig arbeitsscheu oder faul.

Mauricio habe ich leider nicht so oft gesehen, da er wirklich viel in der Firma seines Vaters arbeitet, die vor allem medizinsche Verpackungen herstellt. Trotz der vielen Arbeit hat er mir sehr geholfen und ich konnte ihn auch auf der Arbeit anrufen. So haben wir uns schon am dritten Tag Wohnungen angeschaut. Zuerst waren wir im Zentrum, wo die Häuser älter und meist ein wenig heruntergekommen sind, und haben uns eine WG angeschaut, in der Julia aus dem Pfleghof eine Zeit lang gewohnt hat. War mir aber dann doch ein wenig zu versifft für den Europa-verwöhnten Oli. Económico, vielleicht was fürs Sommersemester. Schließlich habe ich mich dann für eine casa de asistencia in Mauricios Nachbarschaft entschieden, was bedeutet, dass man in einem Haus oder einer Wohnung mit der Besitzerin und weiteren Studenten zusammenwohnt, die in Einzel- oder Doppelzimmern untergebracht sind. Jetzt wohne ich in einem vierstöckigen, wunderhübschen Betonbau mit Señora Sonia, Arturo (20), einem Medizinstudenten aus Nogales, was an der Grenze zu den USA liegt, und Leonel, ihrem 32-jährigen Sohn. Von Arturo bekommt man nicht viel mit, er wohnt schon seit 5 Semestern dort, er hat hier eben schon seinen Freundeskreis usw., ist aber immer freundlich und höflich. Leonel hat's nicht ganz leicht. Er ist echt nett und hilfsbereit wie so viele Mexikaner, hatte einen Gehirntumor, der ihm erfolgreich entfernt wurde und wohnt eigentlich in Cancún, wo er mit Bademoden handelt. Seit der geglückten Operation, Chemotherapie und Reha wohnt er aber in GDL und seit einem Sturz vor ein paar Tagen auf den Rücken hat er sich entschlossen, doch wieder fürs erste zu seiner jefa, also seiner Mutter zu ziehen. Mein Zimmer ist klein, aber viel brauche ich ja nicht. Der größte Vorteil des Zimmers ist, dass Sonia uns (gutes) Essen kocht, unsere Wäsche wäscht, bügelt und alles putzt "¡todo limpio limpio!" (Alles schön sauberchen!) - wir müssen also fast nichts machen. Und das alles für 320 Euro im Monat...!

Dienstag habe ich dann schon Mauricios komplette Familie bei einer "Housewarming-Party" seines Onkels kennen gelernt, Donnerstag bin ich zum ersten Mal mit Mau, seiner Freundin Yvonne und ihrer Kusine Malena Tacos essen gegangen. ¡Muy rico! Sehr lecker, die Tacos - so ähnlich wie Döner in klein und zum Selberfalten. Mein Magen hat's gut vertragen, so Späßken wie Tacos de lengua oder Labia, also Zunge oder Lippe habe ich aber nicht probiert. Bei Malena habe ich mich dann gleich mal beliebt gemacht, indem ich sie 5 Jahre älter geschätzt habe. Eigentlich ist sie erst 20 Jahre alt. So böse kann sie mir aber nicht gewesen sein, da wir dann freitags mit ihren Freundinnen und Freunden in Old Jack's Bar gegangen - wie so vieles hier recht amerikanisch angehaucht, aber ganz angenehm, viele gemütliche Sessel und Couches laden zum geselligen Verweilen ein. Ich hab's genossen, mal wieder unter Leute zu kommen, da ich mich die ersten Tage nicht so wirklich rausgetrat habe. Blanca, einer ihrer Freundinnen, die alle nutrición, also Ernährung studieren, habe ich ein paar Brocken Deutsch beigebracht - Wörter und Sätze wie Hallo, wie geht's? schneeweiß oder Bausparvertrag - die Basics halt. Später am Abend hat noch ne mexikanische Band Covers und Musik von Coldplay, Creedence Clearwater Revival über Stereophonics bis zu Latin Ska gespielt - und das gar nicht mal schlecht! Als Kamerad Jetlag vorbeigeschaut hat, war's dann auch schon 2 Uhr.

Mehr Bilder gibt's hier.

Fin de semana en La Ticla, Michoacán

Letztes Wochenende, vom 28. bis 30. September durfte ich das erste Mal Pazifik-Luft schnuppern, große Premiere! Anlass war der Geburtstag von Sina, einer sehr netten Mitarbeiterin vom Colegio Alemán de Guadalajara, die einige Leute eingeladen hatte. Mitgekommen sind ein Teil ihres ehemaligen Triathlon-Teams aus Guadalajara, ein paar Lehrer der Schule plus jeweils bessere Hälfte, Judith, Katharina, zwei Praktikantinnen am Colegio Alemán, und ich waren auch mit dabei. Freitag direkt nach der Schule ging's direkt los zu ihrem alten Haus, wo wir nach Umpacken und Anstoßen erst mal ne Stunde auf die Kollegen vom Triathlon gewartet haben. Als wir gerade aufbrechen wollte, kamen sie endlich um die Ecke gebogen und starteten erst mal ein zünftiges Supersoaker-Drive-by, extra für Sina zum Geburtstag. Hachja, gute Freunde :)

Die Fahrt nach La Ticla, was im Bundesstaat Michoacán und knapp 4 Stunden von GDL entfernt liegt, war echt interessant: Die Gegend ist dank hinter uns liegender Regenzeit so richtig grün und wir fuhren durch Palmenfelder, Mango- und Bananenplantagen. Lustig, mal zu sehen, woher das ganze Flugobst herkommt. Bis auf 2 Militärkontrollen kurz vor Ankunft, die deutlich machen sollen, dass etwas gegen den Drogenhandel getan wird, lief alles wie am Schnürchen. Nach Einbruch der Dunkelheit kamen wir dann am Strand an, wo wir ohne viel Bürokratie unsere Zelte unter palapas, also Unterständen mit Palmdächern aufschlagen konnten. Zwei Typen der Triathlon-Crew fingen dann auch ziemlich bald an, die Party durch vollen Körpereinsatz zum Laufen zu bringen. Ein neues Spiel habe ich auch gelernt, und zwar "Eiswürfel-Passing", sprich: Ein Eiswürfel muss in der Runde herumgegeben werden - alles mit dem Mund. Das nenn ich doch mal ne Art, das Eis zu brechen!

Trotzdem war ich nicht so ganz in Partylaune und zog mich gegen Mitternacht in mein Luxusdomizil mit den Maßen 1,83 x 1,52 x 0,92 zurück. Und da drin sollen theoretisch zwei ausgewachsene Personen Platz finden? Na egal, Hauptsache am Meer! Nach einer kurzen und harten Nacht war der Anblick der Wellen am nächsten Morgen mehr als eine Entschädigung! Leider hatte ich kein Surfbrett dabei und so hab ich mich eben zu Daniel gesetzt, einem bulligen Texaner, der am Strand saß und seine surf buddies beim Rippen filmte. Wir unterhielten uns ganz nett, schauten den Wellen und seinen Kumpels zu. Ich erzählte ihm von meinem Sommer im Wellenreiter-Camp, meinem Praktikum an der Deutschen Schule und er erzählte mir, dass sie schon seit 30 Jahren nach La Ticla fahren und dort früher auch schon mal Leute umgebracht wurden. Wie war das noch mit "Früher war alles besser"...? Als der Surf ein wenig "schlechter" wurde, kamen seine Kumpels aus dem Wasser und einer von ihnen, Michael, meinte, er hätte noch ein 7'2er Brett im Dorf, das dort seit drei Jahren liegt, weil er keine Lust hatte, nochmal 100 Dollar für den Flugtransport zu zahlen. Obwohl er anfangs nicht so wirkte, als ob er wirklich Bock hätte, es zu verkaufen, ging er dann doch noch ins Dorf und Daniel der Kameramann meinte zu mir am Abreisetag, ich sollte noch mal vorbeischauen, bevor ich fahre.

Gesagt, getan. Das Brett war echt gut erhalten, der Blank vielleicht nicht mehr ganz blütenweiß, ein paar kleinere Dellen sind drin, aber ansonsten top. Die Planke ist schön dick laminiert, nach 3 Jahren richtig gut ausgehärtet und sie hat Volumen, am dicksten Punkt vielleicht 2 5/8 Inch. Wie ihr nebenan sehen könnt, ist Michael, der Texaner nicht gerade der Typ Marathonläufer. Trotzdem funktioniert das Brett echt gut. Durch die Dicke lässt es sich gut paddeln und es gleitet schön früh an. Bei grossen Bedingen habe ich's noch nicht gefahren, aber bis ich mich in irgendwas über 2 Meter reintraue, vergeht wohl noch etwas Zeit. Obwohl, mal sehen...
Von Sina konnte ich mir dann zum Glück noch Geld leihen und nach einer kurzen Probefahrt, wenn auch nur im Weißwasser, wusste ich: Das ist mein Brett. Raus aus dem Wasser, den Handel mit Michael endgültig gemacht, Fotos geschossen, Brett festgezurrt und ab ging die Luzy. Naja, vielleicht nicht ganz so schnell, ihr kennt mich ja, aber irgendwann sind wir dann doch noch losgekommen. Auf dem Weg nach GDL ist dummerweise das Auto von Conny, einer Lehrerin und Abram, ihrem mexikanischen Freund, liegengeblieben, aber schon nach ner guten Stunde kam dann der Abschleppwagen und Felipe und ich haben die ganze Sache mit ner Riesenportion Humor angegangen. Heimwärts ging's dann im Auto auf dem Abschleppwagen. Erlebt man auch nicht alle Tage...

Erwähnt werden sollte noch der Sonntagmorgen, als wir das Glück hatten, einer "Freiheit für die Babyschildkröten"-Aktion beizuwohnen. Von der örtlichen Regierung wird ein alter Mann bezahlt, die ganz nahe am Zeltplatz abgelegten Schildkröteneier so lange zu bewachen, bis sie geschlüpft sind, sprich er schläft sogar nachts in einer Hängematte neben den verbuddelten Eiern. Nachdem zwei der Mexikaner sich abends ein wenig mit ihm unterhalten hatten, sind wir morgens früh aufgestanden, um ihm dabei zuzuschauen, wie er die kleinen Krabbler aus ihren Schlaflöchern und manchmal auch noch aus ihren Eiern befreite. Wir durften sogar mit ihm in diesen abgesperrten Bereich, konnten Fotos machen, er unterhielt sich mit den beiden Mexikanern Felipe und Alejandra und am Schluss haben wir sie dann noch zum Meer gebracht, wo es dann endgütlig ab in die Freiheit ging. Ein paar waren leider schon tot, als sie aus dem Loch befreit wurden, aber ich schätze, so ist das eben mit dem ollen Darwin.

Was soll ich sagen, es war einfach schön. Und es fühlte sich so gut an - man sieht es hier nicht so oft, dass etwas für die Umwelt getan wird. Wenn da dem Gutmenschen mal nicht... ach nö, ich überlass' den Zynismus anderen.

Alles in allem war es ein großartiges erstes Wochenende am Strand. Wollt ihr Meer sehen?